Thomas Harms im TV: „Fass mich an“

ZDF-ZOOM-Dokumentation vom 13. Juli 2016

Wir streichen übers Smartphone, aber streicheln uns nicht mehr: Überstunden statt Umarmung, Karriere statt Kuscheln.
Wissenschaftler mahnen: Unsere Gesellschaft ist unterkuschelt.
Link zur ZDF-ZOOM-Sendung „Fass mich an“ in der ZDF-Mediathek (Beitrag mit Thomas Harms ab 13:40 min)

 

 

Weitere Kurzvideos der Zoom-Redaktion:

 

 

Warum Körperberührung für Kinder so wichtig ist

Ein Interview mit dem Dipl. Psychologen Thomas Harms

 

Mit welchen Problemen kommen Eltern zu Ihnen in die Schreiambulanz?

Eltern kommen in der Regel zu uns, wenn sie mit ihrem Baby an einen Punkt angelangt sind, an dem sie die Mitteilung, die Körpersprache, die Verhaltenssprache ihres Kindes nicht mehr verstehen. Da kann es sein, dass das Baby viele Stunden am Tag weint, schreit, quengelt. Es kann sein, dass das Baby nicht mehr schläft und nicht mehr schlafen mag, also nur noch ganz kurze Power-Naps macht. Die Eltern kommen meist in großer Not und Verzweiflung. Sie stehen wirklich ratlos vor ihrem Baby.

Wann werden denn aus schreienden Babys Schreibabys?

Schreiende Babys werden in der Regel zu Schreibabys, also untröstlich schreienden Babys, wenn es ihnen nicht mehr gelingt aus einem Spannungszustand herauszukommen. Das Schreien ist normalerweise auch ein Versuch, eine Spannung wieder aufzulösen. Die Eltern reagieren, nehmen das Kind hoch und im besten Falle gibt es eine Lösung und Entspannung. Das können Schreibabys in aller Regel nicht mehr. Wir sprechen von sogenannten disregulierten Säuglingen, das heißt, das Schreien ist nicht mehr unmittelbar gekoppelt an bestimmte äußere Anlässe. Eine kleine Irritation löst bei Schreibabys einen regelrechten Erregungssturm aus. Ein extremes Schreien. Und aus dem kommen sie dann alleine, und auch mit Hilfe von Körperberührung, nicht mehr raus.

Woher kommt dieser Sturm?

Das ist ein Mix aus verschiedenen Ursachen. Eine Sache können immer wiederkehrende Fehlschritte im Beziehungstanz von Mutter und Kind eine Rolle spielen. Der Säugling erlebt dies unlustvoll und häuft dabei immer mehr Spannungen an. Aber oftmals ist es auch so, dass anhaltender oder überwältigender Stress schon in den ersten Entwicklungszeit erfahren wurde – zum Beispiel ein sehr anhaltender, langer Stress, den die Mutter vielleicht schon mit dem Baby in der Schwangerschaft erlebt hat. Oder überwältigende Schmerzen, überwältigende Angstzustände während der Geburt.

Welche Bedeutung hat Berührung in den ersten drei Lebensjahren eines Menschen?

Die Berührung ist das Zentralmedium. Ein Baby bekommt nur über die Berührung das Gefühl: Meiner Mama geht es gut, meine Mama fühlt sich sicher. Sie hat mich gut im Arm, ich kann mich hier beruhigen. Das heißt, die Berührungserfahrung gibt dem Baby sehr früh einen Hinweis darauf: Hier ist die Welt okay, du kannst dich verlassen, du kannst dich fallen lassen. Aber es kann genauso gut die Botschaft sein: Die Mama ist hart, fest, angespannt. Auch das wird über den Körper vermittelt. Und das Baby lernt sehr früh, wenn ich in Not bin, ist der Körper der Mutter kein Ort, an dem ich gerne sein möchte. Babys lernen also das Gute wie das Schlechte durch Berührungen.

Was heißt das für das spätere Leben, wenn der Kontakt von den Eltern zum Baby nicht stimmt?

Säuglinge waren vielleicht damit konfrontiert, dass sie sich gerade in Notsituationen immer wieder mutterseelenallein fühlten – zum Beispiel Babys, die viel schreien und Eltern an ihrer Seite haben, die nicht in der Lage sind, sie feinfühlig zu begleiten. Einfach deshalb, weil sie selber in totaler Not sind, in extremer Angst – und das über Wochen und Monate hinweg. Da könnte die Folge sein, dass dieser kleine Mensch, später, wenn er selbst erwachsen ist, immer dann, wenn er in Not kommt, das Gefühl hat, da ist nichts bei mir. Ich bin ganz alleine, ich bin total isoliert. Und die Auslöser können ganz banal sein – zum Beispiel eine herausfordernde Prüfungssituation. Und in diesem Moment können sich Unsicherheit und Angst regelrecht auftürmen für diesen Menschen, weil er aufgrund dieser frühen Erfahrungen nie gelernt hat, mit seinen Gefühlen sicher und haltgebend umzugehen. Dann können Emotionen sehr schnell als bedrängend, überflutend und gefahrvoll erlebt werden. Diese Menschen ziehen sich dann eher zurück. Und die Folge ist häufig, dass sie jede Art von Engstellung, jede Art von Gefahr und Spannungssituation, vermeiden.

Wenn wir auf die vergangenen 30 bis 40 Jahre zurückblicken: Was hat sich verändert in der Art und Weise, wie wir mit Kindern umgehen?

Das Faszinierende ist: Wir leben heute in einer Zeit, in der noch nie so viel Wissen um die Bedürfnisse, die Belange eines neugeborenen Kindes bestanden hat. Auf der anderen Seite ist die gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmt durch immer mehr Beschleunigung, durch eine ganz schnelle Taktung von Aufgaben, die Menschen zu erfüllen haben. Es gibt immer weniger Raum für Gelassenheit, immer weniger freie Zeiträume. Auch wenn Eltern heute oftmals wissen, was Babys brauchen, haben sie gleichzeitig immer weniger die innere Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit ihren Kindern. Wir leben heute in einer sehr beschleunigten Zeit, die nicht das Tempo der Babys ist. Es ist ein Paradoxon. Wir wissen immer mehr, aber wir haben zeitgleich immer mehr Schwierigkeiten den intuitiven Zugang zur Nähe mit unseren Kindern zu finden.

Kann man sagen: So wie wir als Kleinkinder berührt wurden, berühren wir später auch als Erwachsene?

Absolut richtig. Man kann sagen, dass die Art und Weise, wie wir berührt wurden, sehr eng verknüpft ist mit den späteren Bindungsmustern, die wir entwickeln. Das bedeutet, dass wir Nähe und Geborgenheit genauso wie die Unsicherheit und Haltlosigkeit über die Körperberührung mit unseren wichtigsten Bindungspartnern inhalieren. Diese Berührungserfahrungen bilden stabile Programme, die dann auch bestimmen, wie wir später andere Menschen – wie etwa unsere eigenen Kinder – berühren. Im wahrsten Sinne des Wortes können wir dann nicht mehr aus unserer Haut. Man ist im Prinzip später so zu den anderen Menschen, wie man das selbst erfahren hat. Das Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ bringt das ganz gut auf den Punkt.

Warum ist Berührung so ein heikles Thema?

Berührung ist natürlich einerseits schön, aber Berührung öffnet im Prinzip auch die Kanäle wieder, in denen viel Schmerz abgelagert ist. Wir erleben oft in der Arbeit mit Eltern, dass aufweichende, körperöffnende Berührungen sehr schnell auch den Zugang zu erfahrenen Verletzungen schaffen. Zu Trennungserfahrungen, zu Überwältigungserfahrungen. Berührungen bringen einen auch ein Stück weit wieder an die ungeweinten Tränen heran. Sie bringen uns in Kontakt mit dem Schmerz der frühen Wunden, die wir erfahren haben. Sie sind Teil eines Körpergedächtnisses. Körperliche Berührung, so schön sie sein kann, bringt diese Erinnerungen sehr viel schneller an die Oberfläche, als wenn wir nur sprechen würden. Das wissen die meisten Menschen, und eben auch die meisten Eltern, intuitiv und deshalb machen sie auch einen Bogen um zu viel Nähe und Berührung, die wirklich unter die Haut geht.

Ist Berührung eigentlich der beste Schutz gegen Stress?

Ich würde uneingeschränkt sagen: Ja. Also Berührung in jeder Form. Sie macht Menschen resistenter, widerstandsfähiger. Es schafft ein besseres Selbstwertgefühl. Sie schafft eine bessere Emotionsregulation. Könnte man all das, was Berührung bewirkt, als Medikament verkaufen, so wäre es ein Renner. Und gerade deshalb, weil Körperberührungen so viele positive und stärkende Effekte hat, sollten wir in unserer Gesellschaft alles tun, um allen Menschen diese Art von achtsamer und Nähe spendender Köpererfahrung zur Verfügung zu stellen.

Das Interview führte Paul Amberg von ZDF Zoom